Interview-Florian-Sander-Ernährungsrat-Köln

Die Kokoshelden im Gespräch mit Florian Sander vom Ernährungsrat Köln über regionale Ernährung vs. Kokoskonsum

Wir lieben Kokosnüsse. Und uns ist gleichzeitig bewusst, dass der Import von exotischen Früchten auch mit Problemen verbunden ist: ein CO2-intensiver Transport nach Europa, mancherorts Monokulturen und weitere ökologische und soziale Aspekte werfen auf den Konsum unserer “Lieblingsnuss” einen kleinen Schatten.

Doch es gibt auch treibende Kräfte für eine stärkere Regionalisierung der Ernährung. So wurde 2016 in Köln Deutschlands erster Ernährungsrat gegründet, der als beratendes Gremium den Dialog zwischen Politik, Erzeugern, Vertrieben und Verbrauchern forcieren will. Ziel ist es, die Ernährungspolitik auf der kommunalen Ebene zu stärken und eine Ernährungsstrategie auszuarbeiten, die es den Bürgern erlaubt, sich gesund und regional zu ernähren.

Wie passen aber diese von uns zu begrüßenden Ziele mit dem Konsum von Kokosnüssen zusammen? Wir hatten Gelegenheit, über dieses Thema mit Florian Sander, Geschäftsführer & Koordinator des Ernährungsrats Köln & Umgebung, zu sprechen.

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Kokoshelden: Traditionell unsere erste Frage in Interviews: Auf einer Skala von 1-5 (wobei 5 das Maximum ist): Wie sehr magst du Kokosnüsse?

Florian Sander: Also das ist total einfach bei mir, denn ich bin da echt streng. Handelsübliche Kokosprodukte, die nenne ich mal „Kokosnuss-Derivate“, tendieren bei mir gegen Null. Damit kannst du mich jagen! Aber wenn du mir eine tolle, frische Kokosnuss gibst, am besten eine grüne Pipa, dann bist du bei mir bei einer Fünf.

Wenn du einer frischen Kokosnuss eine Fünf gibst, dann bist du auf jeden Fall der richtige Gesprächspartner für die Kokoshelden.

Aber wir möchten dich ja vor allem in deiner Rolle als Vertreter des Ernährungsrats Köln und Umgebung interviewen. Zunächst einmal: Was genau ist der Ernährungsrat? Warum gibt es diese Organisation und was ist euer Ziel?

Florian Sander: Der Ernährungsrat setzt sich insgesamt dafür ein, dass allen – in unserem Fall Kölnerinnen und Kölner – regionale und nachhaltig erzeugte Lebensmittel nahegebracht werden. Und das hat jetzt nicht unbedingt was mit einer physischen Liefersituation zu tun, sondern vielmehr damit, dass wir vor allem Bildungsarbeit in der Region machen und wir uns für eine Ernährungswende einsetzen.

Wir wollen, dass die Landwirtschaft zukunftsfähig aufgestellt wird. Zukunftsfähig in dem Sinne, dass es auch in 20 Jahren noch familiennahe landwirtschaftliche Betriebe gibt, die den Bedürfnissen von Menschen, Tieren und dem Umweltschutz gleichen Stellenwert einräumen.

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Wie viel Ernährungsräte gibt es aktuell in Deutschland?

Florian Sander: Das kann ich dir gar nicht genau sagen, ich denke aber es sind mittlerweile über 40.

Neben der stärkeren Hinwendung vieler Konsumenten auf Werte wie Regionalität und Saisonalität gibt es ja auf der anderen Seite ja durchaus eine gesteigerte Nachfrage nach exotischen Nahrungsmitteln. Warum sind Produkte wie die Kokosnuss aktuell so im Trend?

Florian Sander: Ich muss gestehen, ich weiß nicht, ob das ein Trend ist. Das ist an mir vielleicht vorbeigegangen (lacht). Natürlich gibt es mittlerweile einfach ein größeres Interesse an gesundheitlichen Aspekten in der Ernährung. Viele sogenannte Superfoods versprechen besondere Nährwerte, die von den Produzenten und Händlern, teilweise zur eigenen Profilierung, entsprechend kommuniziert werden. Auch in den sozialen Medien passiert auf der Ebene viel. Dort verbreiten sich Trends rund um Ernährung und Gesundheit sehr schnell. Manche wollen die gezeigten Früchte dann einfach mal probieren.

Die Kokosnuss, das wissen wir alle, kommt von sehr weit her. Das verursacht unter anderem klimaschädliche CO2-Emissionen beim Transport. Und auch die recht geringe Transparenz bezüglich der Anbaumethoden der Kokospalme – sei es aus sozialer oder Umweltsicht – ist ein Problem. Können Kokosprodukte zukünftig überhaupt eine Rolle spielen auf einem Ernährungsplan? Und wenn ja, welche?

Florian Sander: Naja, also ich würde jetzt mal eine ketzerische Gegenfrage stellen: Brauchen wir die Kokosnuss denn ernährungsphysiologisch? Oder ist das nicht ein reines Lifestyle-Thema?

Also, wenn du das uns als Autoren des Kokosblogs fragst, dann sind wir natürlich voreingenommen! Uns ist bewusst, dass unsere westfälischen Vorfahren auch ohne Kokosnüsse auf dem Speiseplan überlebt haben. Sie hatten nur keine Chance, Kokosnüsse zu konsumieren. Heute hingegen haben wir die Möglichkeit, Kokos mit in den Ernährungsplan zu integrieren. Stellen wir die Frage anders: Kann man heute überhaupt noch guten Gewissens auf exotische Produkte wie die Kokosnuss zurückgreifen?

Florian Sander: Das ist ja auch eine Fangfrage (lacht)! Uns als Ernährungsrat geht es ja darum, dass Landwirtschaft zukunftsfähig und klimafreundlich aufgestellt wird. Das heißt konkret: weniger CO2, weniger Mineraldünger, keine Pestizide und so weiter. Da können wir wahrscheinlich auch schnell einen Konsens finden.

Trotzdem wird es natürlich immer einen Markt für gewisse Importware welcher Art auch immer geben. Nennen wir sie mal „Luxusartikel“. Fast jeder trinkt gerne Kaffee oder Tee, nutzt Pfeffer und andere Dinge. Und dies alles wächst hier nirgendwo. Ich denke, das hat alles in Maßen seine Berechtigung. Wir vom Ernährungsrat sind nicht diejenigen, die den Leuten den Wunsch, solche Produkte auch zu konsumieren, ausreden wollen. Und überhaupt: auf die Kokosnuss zu schimpfen, aber auf der anderen Seite dann einen Liter Kaffee am Tag zu trinken, passt nicht zusammen.

Was heißt das konkret für den persönlichen Kokosnuss-Konsum?

Florian Sander: Wir sind da die letzten, die hier irgendwelche Vorschreibungen machen wollen. Auch nicht bei Kokosnüssen! Es ist eine Frage, die jeder ein Stück weit für sich selbst beantworten muss.

Persönlich zum Beispiel finde ich eine frische Trink-Kokosnuss super, nur wird es da mit einem klimaverträglichen Transport nach Köln schwierig. Dieser müsste per Flugzeug erfolgen, damit die Frucht auch frisch hier ankommt. Deswegen konsumiere ich diese hier nicht. Wenn man aber Kokosnüsse in den entsprechenden Anbauländern vor Ort öffnet, schneidet, trocknet und dann per Container verschickt, dann sieht die Klimabilanz sicherlich ganz anders aus und macht das ganze viel vertretbarer. Wie man sieht, steckt der Teufel immer auch im Detail.

Wir sehen, das Kokosmilch verstärkt als (veganer) Ersatz für Sahne eingesetzt, Kokoswasser als tolles Fitnessgetränk angepriesen und Kokosblütenzucker als gesündere Variante zum herkömmlichen Zucker beworben wird. Hier gäbe es ja auch viele heimische Alternativen. Wie tragen die Ernährungsräte dazu bei, den Konsumenten wieder bewusster zu machen, dass sogenannte „Superfoods“ auch hierzulande wachsen und nicht nur in der Ferne?

Florian Sander: Konkret haben wir in 2019, als so etwas noch möglich war, tatsächlich mal kleine Kochabende unter dem Motto „Regionale Superfoods“ veranstaltet, bei denen es genau darum ging. Wir haben
geschaut, welche hier angebauten Produkte haben eigentlich genau die gleichen Eigenschaften, die sonst eigentlich eher exotischen Superfoods zugeschrieben werden. Mit denen haben wir dann gemeinsam gekocht. Außerdem wurden kleine Impuls-Vorträge vorbereitet und die Teilnehmer*innen haben sich dazu ausgetauscht. Und eben auch kulinarisch ausgetauscht. Das war ein schöner Ansatz.

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Andererseits glaube ich, ist das wirklich eine Frage des „Bewusstseins“. Da setzen wir an vielen Stellen an. Zum Beispiel arbeiten wir in einem Projekt mit Kitas vor Ort zusammen, bei dem es um Ernährungsbildung für die Kinder geht.

Wenn einem jetzt bewusst ist, das exotische Früchte eigentlich Luxusprodukte sind, die in Maßen konsumiert werden sollten: Worauf sollte man als Konsument denn achten, wenn man zum Beispiel Kokosnüsse kaufen möchte?

Florian Sander: Endverbraucher sollten vor allem auf die Produktionsbedingungen achten. Hier gibt es verschiedenste Siegel, die da entsprechend gut weiterhelfen und die einen fairen und ökologischen Anbau garantieren. Ich denke, das ist das Minimum.

Wir beenden die Interviews traditionell immer mit der Abschlussfrage nach dem Lieblings-Kokosprodukt. Du hast die Frage eigentlich schon zu Beginn beantwortet mit der frischen Pipa-Kokosnuss. Dies würden wir jetzt auch mal annehmen. Es sei denn, in der Zwischenzeit hat sich da noch was verändert bei deinen Präferenzen?

Florian Sander: Nee, absolut nicht (lacht). Wobei das auch schon wirklich sehr lange her ist, seit ich diese zuletzt probiert habe. Irgendwo in Pakistan im Jahr 2003, würde ich sagen.

Oh, das klingt nach einer ganz neuen Interviewreihe bei uns zum Thema „Spannende Reiseziele für Kokosfreunde“! 

Die Kokoshelden bedanken sich sehr bei Florian Sander für das Gespräch.

 

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